Die Deutsch-Leistungs-Kurse der J 2 sahen am Badischen Staatstheater Karlsruhe eine Inszenierung ihrer Abitur-Pflichtlektüre „Woyzeck“ von Georg Büchner
Von Toni Schmidt (Jahrgangsstufe 2)

Die beiden Leistungskurse Deutsch J 2 vor dem Staatstheater, Foto: T. Schneider-Kustos
Dystopisch-surreal wirkt das Bühnenbild, in das der Zuschauer geworfen wird. Cinematographische Elemente surren im Hintergrund. Kinder beschießen sich mit Nerf-Pistolen vor einem gigantischen Papp-Panzer. Gelbschwefeliges Neonlicht taucht das Szenario in eine Großsstadtnacht in einem Parkhaus. Düstere Gestalten schleichen/tanzen zombieartig über die Bühne. Eine einsame Figur rezitiert rauchend Zeilen auf einem Autodach. Sex und Gewalt wirken wie an der Tagesordnung. Was klingt wie der Trailer eines neuen Apokalypsefilms, ist tatsächlich ein Teil der modernen ,,Woyzeck“ -Inszenierung von MizginBilmen, aufgeführt im Badischen Staatstheater Karlsruhe, diedie beiden Deutsch-Leistungsfach-Kurse der Jahrgangsstufe 2 sich am 3.04.25 um 19 Uhr ansahen.
Das Originalstück von Georg Büchner handelt von einem einfachen Soldaten namens ,,Woyzeck“, der, um sich, seine Frau Marie und ihren etwa einjährigen Sohn Christian zu ernähren, eine Vielzahl an Jobs annehmen und sich ausbeuten lassen muss. Bei deren Ausübung wird er von den herrschenden Eliten aufgrund seines sozialen Standes und Abhängigkeitsverhältnisses schikaniert und unterdrückt. So rasiert er in etwa seinen ihn verhöhnenden Hauptmann und nimmt an einem menschenverachtenden Ernährungsexperiment des Doctors teil, bei dem er nur Erbsen zu sich nehmen darf. Als sein ,,Ein und Alles“, seine Geliebte Marie, ihm auch noch mit dem schick uniformierten Tambourmajor fremdgeht, bricht seine Welt endgültig zusammen. Zunehmend psychisch zerrüttet, ersticht er Marie in einem Akt aus Wahn, Wut und Eifersucht. Er bleibt ganz allein zurück, selbst sein Sohn erkennt ihn nicht mehr.
Während der ,,Original-Woyzeck“ zwischen Kaserne, Feld,Wirtshaus, Gasse und Stadt umherirrt, wirkt das Bühnenbildvon Sabine Mäder kunstvoll intentional sowie klar strukturiert. Die ästhetische Setzung besteht aus zwei Haupt-Elementen; die Bühne mit verschiedenen Rampen und einer dahinterliegenden Leinwand sowie ein alter Swimmingpool, in dem sich auch Woyzecks Auto befindet. Die verschiedenen Ebenen spiegeln die hierarchischen Machtverhältnisse derunterschiedlichen sozialen Schichten wider. Woyzeck muss, um mit Hauptmann oder Doctor zu sprechen, über eine Treppe oder schmale Leiter den Swimmingpool hochkraxeln. Er lebt zusammen mit Marie auf der untersten Stufe der Rangordnung, in einem leeren Pool aus untergegangenen Träumen.n.
Die Figurengestaltung der Neuinszenierung gestaltete sich recht überraschend und brachte neuen Wind in das beinahe 200 Jahre alte Werk Büchners. Der Hauptmann inszenierte sich dabei als prolliger Neurreicher, der mit Golfbällen nach Woyzeck wirft, während er ihn verbal degradiert und auf einem Papp-Panzer reitet. Der Doctor wirkt mit seinen weißen Handschuhen und Schürze wie ein Metzger, der Woyzeck wie ein Tier auf die Schlachtbank führt. Er zwingt Woyzeck nicht nur zur totalen Blöße, indem er ihn bis aufs Letzte auszieht, sondern sticht auch, ganz ,,im Sinne der Wissenschaft“, wieder und wieder auf ihn ein. Die Kinder, neu eingeführte Rollen, die wie eine Mixtur aus Woyzecks Kind Christian und seinem Kamerad Andres wirken, sind die einzigen Figuren, die sich um ihn sorgen, sie verbreiten eine ambivalente Stimmung; naive Besorgnis und bedrohliche Kälte. Auch stellen sie die Frage nach Zukunft undGenerationengerechtigkeit. Denn wie hinterlassen wir eine Welt, die von Krieg und sozialen Disparitäten geprägt ist?Eine Welt, in der bereits Kinder Krieg spielen müssen, um zu überleben? Der Tambourmajor trägt statt schnieker Uniform abgetragene Shorts und lange Haare. Maries ,,Märchenprinz“ wirkt, als wäre er aus einem Hangover-Film entsprungen.Dabei ist ihm Publikumsnähe kein Fremdwort; neben seinemerhöhten Selbstbewusstsein durften zwei glückliche Schüler aus der ersten Reihe Bekanntschaft mit seinem Gesäß machen.
Marie spricht hauptsächlich über eine Leinwand mit dem Publikum, sie erinnert dabei an eine amerikanisch-geprägte Influencerin, die live aus ihrem Auto vloggt. Dabei wirkt sie aggresiv-überfordert, sie möchte sich ausleben, alles wird ihr zu viel. Ihr Kind wird ihr lästig, sie möchte mehr als nur Mutter sein. Springt sie deswegen direkt in die Arme des ungehemmt-triebsam wirkenden Tambourmajors? Während ihre natürlichen Bedürfnisse bei dieser modernen Inszenierung mehr in den Vordergrund rücken, reicht ihre Reue nicht weit. Religiosität und Maries Suche nach Vergebung scheint in den Hintergrund gerückt, vielleicht existiert Gott in dieser dystopisch-düsteren Welt auch einfach nicht mehr.
Woyzeck´s Mord an Marie wirkt kurz, fast unscheinbar. Das Auto im Swimmingpool gewährt kaum Einblick in die Tat, vielleicht ein Hinweis auf die vermehrte Gewalt, die Frauen, oft von der Öffentlichkeit unbemerkt, erleiden. Woyzeck selbst wirkt nahe an Büchners Originalfassung, seine Gehetztheit und sein Leid treffen das Publikum ins Herz. ,,Der Woyzeck-Schauspieler habe perfekt gepasst“, so eine Schülerin über die Verkörperung Woyzecks von Jannik Süselbeck. Der ,,Freund“, eine neu eingeführte Figur, dargestellt von Hadeer Hando, erzählt das Märchen der Großmutter und wirkt, zigaretterauchend auf dem Autodach,rätselhaft und unnahbar. Genauso offen und verrätselt erschienvielen Zuschauern die Interpretation nach dem Schluss des Stücks; Wer ist nun schuld an dem Mord an Marie? War Woyzeck Herr seiner selbst und seiner Sinne?

Benedikt Kömpf-Albrecht vom Badischen Staatstheater zu Besuch, Foto: M. Tinkl
Bei einem spontan organisierten Besuch von BenediktKömpf-Albrecht, Theaterpädagoge am Staatstheater, eine Woche später konnten wir unsere gesammelten Fragen loswerden. Eine eindeutige Gesamtinterpretation sei nicht gewollt, eine feministische Komponente jedoch durchaus gesetzt. Die ,,Kinder“ seien außerdem ein besonders wichtiges und umstrittenes Detail des Stücks. Die Idee war dabei, die Geschichte aus Perspektive der ,,stimmlosen“ Kinder, beziehungsweise der nächsten Generation zu erzählen, die in einem Klima von Hass und Gewalt aufwachsen muss. Ob die Inszenierung nun eine ,,peppige und kompakte Neuinterpretation“ oder eher ,,sexualisierend, polarisierend und dramatisierend“ (Zitate nach Schülern) war, bleibt offen. Aber das soll es auch. Theater soll dazu anregen sich eigene Gedanken zu machen, sich auf dem Gedankenstrich zwischen ja und nein zu bewegen.
Nachtrag: Nach zwei Jahren „Woyzeck“ lag den Schülerinnen und Schülern in diesem Jahr eine Abituraufgabe zur zweiten Pflichtlektüre „Corpus Delicti“ vor.
