Dieser Ausflug des Remchinger Gymnasiums war alles andere als alltäglich: Eine Ethikklasse der Schule war im Schlachthaus eines lokalen Metzgermeisters. Ziel der Aktion war es, bei jungen Leuten ein Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln zu schaffen.
Mit einem beherzten Handgriff öffnet Andreas Beier die mächtige Stahltür, die zum Kühlhaus führt. Die Schüler staunen nicht schlecht über die Dimensionen der Rinderhälfte, die er anschließend über eine große Schiene an der Decke in den Raum transportiert, in dem normalerweise das Zerlegen stattfindet. Beier erklärt den Jugendlichen, dass die Rinderhälfte rund 180 Kilogramm wiegt: ohne Innereien, Haut, Kopf und die meisten Knochen. Mit alldem hat es das Tier zu Lebzeiten auf mehr als 500 Kilo gebracht. Zwischen weiß gefliesten Wänden stehen die Schüler nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der das Rind vor ein paar Tagen geschlachtet wurde. Wie das funktioniert und was anschließend aus dem Fleisch wird, das erklären Metzgermeister Andreas Beier und sein Mitarbeiter Dennis Schröder zwar ehrlich und anschaulich, aber immer in einer Weise, die dem Alter der Schüler angemessen ist. Auch, wenn sie manche Details bewusst aussparen, ist es ihnen wichtig, dass die Jugendlichen eine Vorstellung davon bekommen, dass Fleisch nicht einfach vom Himmel fällt, dass große Anstrengungen notwendig sind, bevor es auf dem Teller landen kann. „Man muss schon bei den Jüngsten anfangen“, sagt Beier, der sich über den Besuch und das große Interesse der Schüler freut.
Alle gehen in die siebte Klasse des Remchinger Gymnasiums, alle besuchen dort den Ethik-Kurs, in dem sie sich aktuell intensiv mit dem Verhältnis von Mensch und Tier beschäftigen. „Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen“, sagt Lehrerin Katharina Heiderich, die mit den Schülern schon über das Tierschutzgesetz, ethische Fragen und den Umgang mit Tieren in verschiedenen Religionen gesprochen hat. Die Lehrerin legt Wert auf einen offenen Austausch, in dem jeder Schüler seine Meinung äußern darf. Sie weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, mit ihrer Klasse ein Schlachthaus besuchen zu dürfen und vom Chef persönlich begrüßt zu werden. Doch Andreas Beier macht das nicht nur gern, sondern auch uneigennützig, weil er sich dazu verpflichtet fühlt. „Die Kinder sollen heimgehen und etwas über Ernährung gelernt haben.“ Beier hat den Eindruck, dass das gemeinsame Essen und das Bewusstsein für die Herkunft von Lebensmitteln in den Familien zunehmend verlorengehen. Er selbst hat als Kind viel Zeit bei seiner Oma verbracht und nur am Sonntag Fleisch gegessen, dann aber mit Freude und Genuss.
Nicht nur einmal betont Beier, weder belehren noch den moralischen Zeigefinger heben zu wollen. Ihm ist es stattdessen wichtig, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Wenn Kunden in seinem Laden vor dem Kauf genau nachfragen, dann findet er das nicht nervig, sondern gut. Schon oft hat er sich am Kinderferienprogramm beteiligt und mit dem Jugendtreff frische Fleischküchle mit Kartoffelsalat zubereitet. Er ist fest überzeugt, dass solche Aktionen etwas bringen, dass er damit „einen Samen legen“ kann. „Man merkt, dass da etwas passiert“, sagt Beier, der ehrlich und ungeschönt über seinen Beruf spricht. Er sagt offen, dass bei ihm Tiere getötet werden. Aber er sagt auch, dass bei ihm das Tierwohl an erster Stelle steht. Deswegen nimmt er sich in seinem Betrieb viel Zeit für den Schlachtprozess, immer und ohne Ausnahme. „Da ist es mir egal, ob Überstunden geschrieben werden.“ Sind die Tiere gesetzeskonform betäubt und entblutet, versucht er, so viel wie möglich von ihnen zu verwerten, auch die Knochen. „Aus Respekt vor dem Tier ist das für uns das oberste Ziel.“
Die Tiere kommen nahezu ausschließlich von zwei landwirtschaftlichen Betrieben in der Region, die Beier schon lange persönlich kennt. Aktuell hat der Metzgermeister keinen Auszubildenden. Nicht, weil er keinen will, sondern, weil er keinen bekommt. „Das Handwerk ist in den Familien verlorengegangen“, sagt Beier. Der Metzgermeister weiß, dass sein Beruf bei jungen Leuten nicht besonders hoch im Kurs steht. Zu Unrecht, wie er findet. Zwar gibt Beier offen zu, dass sich die Ausbildung nicht für jeden eignet. Aber er verweist auch auf die vielen Vorteile, die sie attraktiv und spannend machen. Dazu zählt für ihn neben einer ordentlichen Vergütung auch der Umstand, dass man die Handwerkstradition am Leben erhält und maßgeblich zur Ernährung der Bevölkerung mit hochwertigen Lebensmitteln beiträgt. „Wenn das keine sinnvolle Tätigkeit ist, dann weiß ich auch nicht.“ – Nico Roller
Lehrerin Katharina Heiderich hört interessiert zu, als Dennis Schröder und Metzgermeister Andreas Beier (von links) erklären, wie bei ihnen alle Teile des Tieres optimal verwertet werden. Für sie geht es dabei auch um Nachhaltigkeit.
